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Nr. 10, April 1999Flucht und Asyl

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SCHWERPUNKTTHEMA: Leben zwischen Rein und Raus

Menschen auf Eis gelegt

Probleme von Asylbewerbern und geduldeten Flüchtlingen, Bildung und Arbeit zu erhalten

In Deutschland wird der Anteil der Flüchtlinge, die ohne festen Aufenthaltsstatus (also mit Aufenthaltsgestattung, Duldung oder noch weniger) hier leben, immer größer. Sie sollen doch froh sein, dass sie überhaupt hier sein dürfen! Ein wenig von dieser Auffassung scheint hinter vielen Maßnahmen zu stecken, die den Asylbewerbern die Einreise nach Deutschland verwehren oder den Aufenthalt unattraktiv machen sollen. Aber soll das wirklich alles für sie sein: der Verfolgung entronnen zu sein? Das Leben geht weiter! Aber wie soll es weiter gehen, wenn man beruflich nahezu chancenlos ist?
Shila, 26 Jahre alt, kommt aus Afghanistan. Dort hat sie nach 12 Jahren Schule ihr Abitur gemacht. Seit über drei Jahren lebt sie in einem Asylbewerberheim in Markkleeberg. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, denn in Afghanistan gebe es keine zentrale Staatsgewalt und damit auch keine politische Verfolgung. Nach einer Klage im Asylverfahren erhielt sie lediglich nach § 53, Abs. 4 Ausländergesetz Schutz vor der Abschiebung, weil diese gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen würde. Ihr Status bleibt damit aber dennoch auf dem Niveau einer Duldung.
Integrationshilfen sind ihr damit verwehrt: z.B. kein vom Arbeitsamt geförderter Deutschkurs, keine Ausbildungsförderung nach BAFöG, mit der sie ein Studium finanzieren könnte. Bis ihr Aufenthalt vielleicht verfestigt ist, dürfte sie die Alters-grenze für BAFöG von 30 Jahren überschritten haben. Auch ohne BAFöG könnte sie aber wahrscheinlich nicht studieren. Sie hatte zwar ein Zeugnis, das sie in ihrem Land zum Studium berechtigte, aber erstens konnte sie dies nicht mitbringen und kann es aufgrund der Kriegswirren auch nicht aus Afghanistan beschaffen, und zweitens, selbst wenn sie das könnte, würde es wahrscheinlich nicht als gleichwertig mit einem deutschen Abitur anerkannt. (Dies ist bei den meisten Zeugnis-sen und Diplomen aus den Herkunftsländern von Flüchtlingen der Fall.) Eine Lehre kann sie nicht absolvieren, weil die eine Arbeitserlaubnis voraussetzt, die sie nicht hat. Aus dem gleichen Grund kann sie auch nicht an Trainings- oder Qualifizierungsmaßnahmen des Arbeitsamtes teilnehmen. Als einzige Möglichkeit bliebe der Besuch einer berufsbildenden Vollzeitschule (Berufsfachschule). Für die ist sie aber schon zu alt, und eine private ist außerdem zu teuer. Und ohne Zeugnis geht es sowieso nicht.

So werden begabte, junge Menschen „auf Eis gelegt“. Shila hat schon viele vergebliche Versuche hinter sich, ihre Ausbildung fortzusetzen.
Günstiger sieht es nur für minderjährige Ausländer – auch Asylbewerber und Geduldete – aus. Jedes Kind und jeder Jugendliche erhält eine Schullaufbahnberatung. Kinder werden in Vorbereitungsklassen sprachlich und fachlich gefördert und anschließend in die Regelklassen eingeschult. Dazu können sie auf Wunsch (und wenn sich genügend (mindestens 10) Schüler finden, Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten. Diese kann auch als 2. Fremdsprache an weiterführenden Schulen eingebracht werden. In Leipzig gibt es muttersprachlichen Unterricht bislang in persisch, türkisch, vietnamesisch und arabisch. Und wer einen allgemeinbildenden deutschen Schulabschluß hat, kann auch, wenn er mangels Arbeitserlaubnis keine Lehre absolvieren kann, eine Ausbildung an einer Berufsfachschule beginnen.
Die Probleme für Schulkinder von Asylbewerbern und Geduldeten liegen eher auf der finanziellen Ebene. Während Kindern von Sozialhilfeempfängern bei der Einschulung ein Bedarf von 150 DM und pro Schuljahr 50 DM zugestanden werden, lautet die Anweisung des Regierungspräsidiums Leipzig für Flüchtlingskinder: 70 DM bei der Einschulung, 30 DM bei Übergang zur weiterführenden Schule und pro Schul-jahr 0 DM!

Dieter Karg / Bernd Knüfer
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Diese Seite wurde aktualisiert am 23.6.2020.