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Nr. 11, September 1999Flucht und Asyl

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Kirchenasyl für eine kurdische Familie

Familie Kaya zwischen Hoffen und Bangen

Wer sich die Liste der in Deutschland gewährten Kirchenasyle in den letzten Jahren ansieht, wird feststellen, daß es sich bei diesen Asylsuchenden zu einem sehr großen Teil um Kurden aus der Türkei handelt. Fast die Hälfte der Kirchenasyle der letzten Jahre wurden Kurden aus der Türkei gewährt. Dabei handelt es sich zu einem größeren Teil um Familien mit Kindern. Viele dieser Familien befanden sich seit Jahren in Deutschland. In der Region Leipzig boten im Sommer 99 gleich zwei Kirchengemeinden, eine evangelische und eine katholische,  je einer kurdischen Familie aus der Türkei Schutz.
Eine davon ist Familie Kaya, die seit 8 1/2 Jahren in Deutschland lebt. 1990 floh sie aus dem Südosten der Türkei. Nach ihren Aussagen war es für sie dort nicht mehr auszuhalten. Der Vater, der seit der Schulzeit in einer kommunistischen Partei der Türkei mitgearbeitet hatte, war schon vorher in die Region um Istanbul geflohen, wo er illegal wohnte und zum Teil arbeitete. Immer wieder fragten in seinem Heimatort Polizeieinheiten nach seinem Verbleib und setzten die Familie unter Druck. Dort hatte er prokurdische Flugblätter verteilt, Plakate geklebt und war deshalb mehrmals verhaftet  und  im Gefängnis auch gefoltert worden.
Es gelang ihm, seine Frau und seine beiden Kinder nach Istanbul zu holen. Fluchthelfer hatten für die Familie einen Flug von Frankfurt/M. nach Kanada vorbereitet. Die Flugtickets waren schon bezahlt, aber das Flugzeug nach Kanada flog in Frankfurt ohne Familie Kaya  ab, weil ihr Paß nicht als echt anerkannt wurde. So mußte die Familie in Deutschland einen Asylantrag stellen. Dieser wurde nach der ersten Ablehnung und darauf folgender Klage  in der Hauptsache deshalb abgelehnt, weil das Gericht davon ausging, daß die Familie im Westen der Türkei eine Fluchtalternative gehabt hätte, ohne anzuerkennen, daß sich Herr Kaya dort ja illegal aufgehalten hatte. Die Zulassung zur Berufung beim OVG wurde ebenfalls abgelehnt, ebenso eine Verfassungsbeschwerde, ebenso ein weiterer Asylantrag. Die Rechtsmittel sind also so gut wie erschöpft, und die Ausreise ist "vollziehbar". Es läuft noch eine Klage gegen die Ablehnung des Folgeantrags, und Herr Kaya hat sich an die Petitionsausschüsse des Sächsischen Landtages und des Bundestages gewandt. Ein sog. "stilles" Kirchenasyl in der katholischen Gemeinde Markkleeberg  hat der Familie Schutz in der Phase des Wartens gegeben. Inzwischen hat nach einem Gespräch der Bundestagsabgeordneten Lüdt (PDS) mit der Zentralen Ausländerbehörde Chemnitz diese eine Aussetzung der Abschiebung verfügt, solange, bis über die Petitionen entschieden worden ist.
Eine Hoffnung  hatten  BeraterInnen und UnterstützerInnen des Kirchenasyls der Familie in den neuesten Lagebericht des Auswärtigen Amtes für 1999 gesetzt,  besonders auch, nachdem im Juli Außenminister Fischer die Türkei besucht hatte. Doch der Lagebericht zur Türkei ist noch immer "geheime Verschlußsache", (so wie es schon der SPIEGEL im Frühjahr 99 berichtet hatte). Medico international liegen Berichte vor, daß die türkische Armee bei einem Angriff am 11.5.99 in der Sirnak/Silopi-Region Giftgas gegen Kurden eingesetzt hat. An diesem Tag wurden nach dem Bericht 20 Menschen getötet. Ob solche oder weitere brutalen Details im Lagebericht des Auswärtigen Amtes wiedergegeben sind, ist fraglich und höchstens zu vermuten. Aber die Geheimhaltung des Berichtes einerseits und die vielfach bekannten Recherchen zur Türkei von amnesty international und Pro Asyl andererseits vermögen es schon zu erklären, daß es so oft Kurden aus der Türkei sind, deren Asylverfahren negativ entschieden wurde, die aber auf keinen Fall in ihre Heimat zurück möchten, und die deshalb den Schutz einer Kirche suchen, um wenigstens aus humanitären Gründen nicht  abgeschoben zu werden.
Die Kinder der Familie Kaya haben sich sehr gut in der deutschen Schule integriert. Serap, die älteste, hat gute und sehr gute Leistungen und ist in ihrer Klasse sehr beliebt. Auch das jüngste in Deutschland geborene Kind, der 8jährige Erkan, geht inzwischen in die Schule und ist Lesekönig seiner Klasse geworden.
Eine Abschiebung in die Türkei, bei der der Vater aller Wahrscheinlichkeit nach sogleich verhaftet würde, wäre eine Katastrophe für die Familie. Der Bürgermeister von Markkleeberg  und viele andere haben sich deshalb für  Familie Kaya eingesetzt.  Mit der Familie bangen auch die UnterstützerInnen des Kirchenasyls: Was geschieht, wenn die Petitionen negativ beschieden werden? – Noch besteht ein Fünkchen Hoffnung.
Marianne Kurek
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Diese Seite wurde aktualisiert am 01.10.2020.