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Nr. 11, September 1999Flucht und Asyl

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Bericht über das Projekt „Deutsch für Flüchtlinge“

Im März 1997 hatte der Flüchtlingsrat angefangen, kostenlosen Deutschunterricht zu erteilen (siehe Artikel in „Flucht und Asyl“ Nr. 7). Die beiden damaligen ABM-Mitarbeiterinnen, Stephanie Dahab und  Joke Oud, beide Lehrerin von Beruf, hatten zusammen mit anderen Mitgliedern des Flüchtlingsrates und einigen ehrenamtlichen Lehrerinnen dieses Projekt vorbereitet und gestartet.
Seitdem hat durch den Flüchtlingsrat kontinuierlich Deutschunterricht stattgefunden. Lediglich eine Unterbrechung gab es im Juli-August 1998, als in der Magazingasse umfangreiche Bauarbeiten anstanden. Als wir im Oktober 1998 in die Sternwartenstraße umziehen mußten, war der versprochene Veranstaltungsraum noch nicht frei. Dankenswerterweise aber stellte Café Caktus, im selben Haus ansässig, bis Januar 1999 seinen Veranstaltungsraum kostenlos zur Verfügung, so daß der Unterricht nicht unterbrochen werden mußte.
Insgesamt haben 21 Personen, überwiegend Frauen, aber auch einige Männer, bei uns Deutschunterricht erteilt. Es waren LehrerInnen, RentnerInnen und StudentInnen, die in ihrer Freizeit unterrichtet haben. Mehrere Studentinnen im Fach Deutsch als Fremdsprache konnten damit ihr Praktikum absolvieren. Im Durchschnitt hat jede/r LehrerIn 10 Doppelstunden unterrichtet, manche aber viel mehr, andere haben nur einige Stunden vertretungsweise gegeben. Die Gruppengröße fluktuierte stark. Am Anfang eines Kurses waren es meistens 20 bis 30 Personen, aber wir hatten auch schon mal 40 Teilnehmer. Am Ende eines Kurses waren es dann noch um die 10 Personen. Wenn die Teilnehmerzahl auf ungefähr 5 gesunken war, wurde die Gruppe aufgelöst, oder mit einer anderen Gruppe zusammengelegt. Wir erteilten überwiegend Anfängerunterricht. Im Durchschnitt begannen wir alle zwei Monate mit einem neuen Anfängerkurs. Meistens wurde gleichzeitig auf zwei Niveaus unterrichtet: ein Totalanfängerkurs (Alphabet und Phonetik) und ein Fortsetzungskurs (Basisgrammatik und –vokabular). Wenn genug LehrerInnen vorhanden waren, konnten wir auch mal einen Kurs für etwas Fortgeschrittenere anbieten. Die Totalanfängerkurse dauerten einen bis anderthalb Monate mit zwei oder dreimal pro Woche Unterricht. Danach wurden meistens 2 Gruppen zusammengelegt und ein Fortsetzungskurs angeboten. Die Kursdauer von einem bis anderthalb Monate hat sich generell bewährt, denn das ist ein überschaubarer und vorausplanbarer Zeitraum, sowohl für die Asylbewerber als auch für die LehrerInnen.
Der Bedarf nach kostenlosem Deutschunterricht (inzwischen verlangen wir 2,- DM pro Kurseinheit für Fotokopien und anderes Material) ist nach wie vor groß, weil für Asylbewerber und geduldete Flüchtlinge kein Deutschunterricht gefördert wird. Auch nach § 51 AuslG anerkannte Flüchtlinge wurden und werden auch in Zukunft nicht gefördert werden, wie das Bundessozialgericht in einem Urteil vom 11.5.2020 entschied. Lediglich nach Art. 16a GG anerkannte Flüchtlinge können über das Arbeitsförderungsgesetz gefördert werden. Das einzige, was sich in letzter Zeit in Leipzig positiv verändert hat, ist die Tatsache, daß jetzt  auch ausländische Bedürftige Recht auf einen Leipzig-Paß haben und somit an der Volkshochschule Ermäßigung auf Kursgebühren bekommen können. Für manche Flüchtlinge könnte dadurch der Deutschunterricht an der Volkshochschule erschwinglich werden.
Ebenfalls im März 1997 haben wir auch mit Alphabetisierungskursen für Analphabeten, also für Flüchtlinge, die weder in der Muttersprache noch in einer Fremdsprache lesen und schreiben können, angefangen. Wir haben diese Kurse aber bald wieder einstellen müssen: einerseits erreichten wir nicht die Zielgruppe, die wir im Auge hatten, nämlich Frauen mit Kindern, andererseits fordert Alphabetisierung von ausländischen Erwachsenen, die die deutsche Sprache mündlich nicht ausreichend beherrschen, einen sehr hohen Grad an Kompetenz und Kontinuität bei den Lehrern. Und die konnten wir mit ehrenamtlichen Mitarbeitern nicht bieten. (Für anerkannte analphabetische Flüchtlinge, die sich mündlich in der deutschen oder englischen Sprache ausdrücken können, gibt es nach wie vor die Möglichkeit, gegen eine geringe Teilnahmegebühr an Kursen der Volkshochschule teilzunehmen.)
Wir hoffen, dieses Deutschprojekt noch lange fortsetzen zu können. Wir danken allen LehrerInnen für ihre bis jetzt geleistete Arbeit, die oft nicht leicht war. Und wir sind natürlich immer interessiert an neuen LehrerInnen. Bitte melden Sie sich bei Interesse in der Geschäftsstelle! Es ist geplant, in nächster Zeit eine Broschüre herauszugeben, in der die gesammelten Erfahrungen zusammengefaßt werden.
Joke Oud
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Projekte des Flüchtlingsrates: Deutschunterricht

Diese Seite wurde aktualisiert am 01.10.2020.