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Nr. 11, September 1999Flucht und Asyl

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Illegal in Deutschland

Seit 1996 werden im Rahmen einer Auftragsforschung des europäischen Direktors des JRS, P. Eddy Jadot SJ in Spanien, Großbritannien und Deutschland Studien durchgeführt, um die Lebenssituation „illegaler“ Migranten in diesen Ländern zu erhellen. Im Mai diesen Jahres nun konnten die Ergebnisse der deutschen Teilstudie veröffentlicht werden.1 Diese baut auf den Ergebnissen einer Feldstudie auf, für die 1997-1998 in Leipzig Daten gesammelt wurden. In dieser Zeit wurden ca. 200 Interviews mit Migranten, Behördenvertretern und anderen Personen, die mit der Szene vertraut sind, durchgeführt. Der Forschungsbericht gliedert sich in vier Teile, wobei Teil I die zur Datenerhebung und Berichtszusammenstellung verwendeten Methoden darlegt. Teil II versucht eine Situationsbeschreibung der „Illegalen“ und geht beispielsweise folgenden Fragen nach: Warum kommen Menschen illegal nach Deutschland? Wo arbeiten und wohnen sie? Was tun sie im Krankheitsfall? Wie halten sie Verbindung mit ihren Angehörigen? Was sind ihre Pläne und Wünsche für die Zukunft?
Teil III behandelt drei zentrale Forschungsthesen. These 1 stellt fest, daß sich unter den „Illegalen“ eine Reihe von Flüchtlingen befindet, die sich vom deutschen Asylrecht nicht mehr geschützt fühlt. Dies liegt daran, daß ihre Asylanträge ignoriert oder unkorrekt behandelt wurden, indem in der Asylanhörung auf ihre spezielle kulturelle oder psychische Situation nicht angemessen eingegangen wurde, oder weil sie grundsätzlich vermeiden wollen, daß ihr Aufenthalt durch eine Antragstelle den Behörden in Deutschland bekannt wird und deshalb auch eine Ausweisung und Abschiebung leichter möglich ist. These 2 untersucht, inwieweit die Anwesenheit „illegaler“ Migranten der deutschen Gesellschaft nutzt oder schadet. Während ein klarer Nutzen oder Schaden nicht nachgewiesen werden kann, ist die Frage nach dem indirekten Schaden oder Nutzen aufgrund der komplexen Datenlage nur schwer zu beantworten. Das Argument kann jedoch plausibel geführt werden, daß es eine Reihe von Interessengruppen in den industrialisierten Ländern gibt, die „dankbar“ für die stille Reserve „illegaler“ Billigstarbeiter sind: So wird es für Arbeitgeber möglich, bei Ausschreibungen günstigere Gebote einzureichen, für Auftraggeber und Kunden billigere Leistungen zu bekommen, für deutsche Arbeitnehmer trotz zunehmenden Wettbewerbs ihre (im Vergleich mit europäischen Kollegen) hohen Löhne zu behalten. These 3 vertritt die Ansicht, daß oftmals die Gleichsetzung von „Illegalen“ und „Kriminellen“ polemisch ist, weil sie nur ungenügend berücksichtigt, daß bestimmte Straftaten (wie etwa illegale Einreise per gesetzlicher Definition) nur von Ausländern begangen werden können, ohne daß seitens des Ausländers eine kriminelle Energie oder gesellschaftsschädigende Intention vorhanden ist.
In Teil IV wird die Effizienz derzeit angewendeter Bekämpfungsstrategien bei der Einwanderungs- und Arbeitsmarktkontrolle und der Verbrechensbekämpfung untersucht. Als Ergebnis kann man hier feststellen, daß die Probleme mit herkömmlichen Mitteln bislang kaum geregelt, geschweige denn kontrolliert werden können. Auch unerwünschte Nebeneffekte sind festzustellen: Verstärkte Repression birgt in sich die Tendenz zu gewaltsamen Gegen- und Ausweichreaktionen, was durch die zunehmende Brutalität von Schleusern oder das Ansteigen von Überlebenskriminalität (wie etwa Diebstahl) nahegelegt wird.
Die Studie eignet sich weniger als Handbuch für den Umgang mit Problemfällen, sondern möchte Hintergrundinformationen zu illegaler Migration und den Migranten bieten, um eine differenzierte gesamtgesellschaftliche Diskussion über die vorliegenden Probleme voranzubringen.
Jörg Alt

Fußnote:

1 Jörg Alt: Illegal in Deutschland. Von Loeper Literaturverlag Karlsruhe. Über den Buchhandel erhältlich
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Diese Seite wurde aktualisiert am 01.10.2020.