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Nr. 12, März 2000Flucht und Asyl

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BERICHT

Alles neu im neuen Jahrtausend?
Veränderungen in den Asylbewerberheimen der Stadt Leipzig

„Arbeiterschließfächer" nannte man früher spöttisch die kleinen Plattenbauwohnungen. „Flüchtlingsschließfächer" könnte man dann Zimmer oder Container in Asylbewerberheimen nennen, in denen oft 4 Personen auf engstem Raum leben (in der Regel auf 5 qm Fläche pro Person). Der Gesetzgeber und das Land Sachsen wollen es so. Dennoch hat sich in der Unterbringung seit An-fang der 90er Jahre einiges verbessert. Vor allem die Bauwagenlager gehören der Vergangenheit an, auch die Betreiber wurden gründlicher ausgewählt. Im Jahr 2000 ergeben sich noch einmal viele Veränderungen in den Leipziger Asylbewerberunterkünften.

 Die „Torgauer Straße 290", früher einmal „Erstauf-nahmeeinrichtung", später „Bezirksanlaufstelle" des Regie-rungspräsidiums, ist seit 1.1.2020 auch formal unter der Regie der Stadt Leipzig. Zuletzt beherbergte sie in ihren beiden Häusern nahezu ausschließlich Flüchtlinge, die der Stadt zugewiesen waren. Sie ist mit einer Belegung von über 600 Personen das größte Heim in Leipzig und in ganz Sachsen (eine kon-fliktträchtige Größe, und so war sie wegen Streitereien unter den Bewohnern schon häufig in den Negativ-Schlagzeilen)! Sie ist das einzige Heim der Stadt, wo die Flüchtlinge nicht selber kochen können, sondern deutsche Kantinenverpflegung erhalten (was die Flüchtlinge häufig als schlimmer empfinden als in einem Container zu wohnen). Beides sollte sich nach dem Willen des Rathauses ändern. Das Regierungspräsidium wollte aber nur für eine Kapazität von mindestens 600 Bewohnern die Kosten für den Einbau von Küchen übernehmen, aber nicht für 300. Die Stadt wandte sich mit einem Brief an die Landesregierung, aber die wollte sich aus dem Streit heraus-halten.
Da die Zeit drängte, entschloss sich die Stadt nun zu einem anderen Schritt: ab 1.7.2020 wird ein neuer Betreibervertrag geschlossen, eines der beiden Häuser wird geschlossen, die Belegung auf 300 halbiert, und der kommende Betreiber muss dann innerhalb von drei Monaten die Küchen auf eigene Kosten einbauen.
Außerdem wird voraussichtlich ab Mai ein neues Heim für 300 Personen in der Wodanstraße, also in direkter Nachbarschaft bezugsfertig. Dorthin wird vermutlich der größte Teil der Asylbewerber aus der Torgauer Straße umquartiert. Ein neuer Betreiber dafür ist schon gefunden.
Das Heim in Mölkau mit einer Kapazität von 150 Plätzen, das früher Aussiedler und danach Kosovo Flüchtlinge beherbergte, sollte ursprünglich auf 300 Plätze aufgestockt und zu einem Asylbewerberheim auf Dauer werden. Nach massiven Prote-sten von Anwohnern musste dieser Plan geändert werden: es bleibt bei 150 Plätzen, und 2003 wird die Unterkunft geschlossen.
In den Containern der „Raschwitzer Straße 17a" wurden im Herbst Duschen und Küchen renoviert, im Frühjahr sind die Toiletten dran.
Für alle Heime wurden in diesem Frühjahr sowohl die Paketversorgung mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln als auch die soziale Betreuung neu ausgeschrieben. Inwieweit dies Veränderungen für die Flüchtlinge mit sich bringt, ist noch of-fen. Wahrscheinlich werden in den „alten" Heimen die Be-treuer nicht wechseln. Der „Leipziger Standard" soll aber auf die neuen Heime ausgedehnt werden: das Sozialamt finanziert überall die soziale Betreuung mit einem Schlüssel von etwa 1 Person auf 200 Asylbewerber.
Ab Juli wird das Sozialamt auch zweimal pro Woche Sprech-zeiten in allen Heimen abhalten. Die Flüchtlinge müssen dann nicht mehr wegen der meisten Anliegen zur Zentralstelle nach Grünau fahren und einen Teil ihres geringen Bargeldes für den Fahrschein ausgeben. Vor Ort werden künftig u.a. auch die Barleistungen ausgezahlt und Bekleidungsgutscheine ausge-geben. Jeweils eine Mitarbeiterin des Sozialamts, des Betreibers und der Betreuungsorganisation (evtl. auch des Amtes für Wohnungswesens) können nahezu alle Vorgänge dort bearbeiten – ein Raum mit Computer und Telefonanschluss steht in jedem Heim zur Verfügung. Eine wesentliche Erleichterung für die Verwaltung und die Flüchtlinge.
So viel Veränderung in den Heimen war nie. Nur eines für die Flüchtlinge bleibt gleich: das lange und zermürbende Warten auf die Anerkennung oder Ausreiseaufforderung.
Dieter Karg
 
Unterkunft Bauweise Kapazität soziale Betreuung Betreuerstellen
Torgauer Straße feste Häuser 600, ab 1.7.: 300 noch offen 3, ab 1.7.: 1,5
Liliensteinstraße Plattenbau 250 Die Heilsarmee 1,5
Raschwitzer Straße Container 300 RAA 1,5
Mölkau Container 150 Rotes Kreuz 1
Wodanstraße Container 300 noch offen 1,5
Gesamt:  1.300 (ab 1.7.)  7 (ab 1.7.)

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Diese Seite wurde aktualisiert am 18.04.2020.