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Nr. 15, Juni 2001Flucht und Asyl

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FLÜCHTLINGSSCHICKSALE:

Krise der Existenz

Gedanken einer iranischen Frau über das Leben als Flüchtling in der Fremde

Der Kampf für ein besseres Leben hat eine Geschichte, die so alt ist wie die Entstehung des Menschen. Freundlichkeit und Bosheit, Gut und Schlecht, Leben und Tod, Freiheit und Gefangenschaft haben in jeder menschlichen Gesellschaft dieselbe Bedeutung. Durch die Erfahrungen auf diesem Weg der Auseinandersetzung lernen wir, zu jeder Zeit mit vollem Krafteinsatz nach vorn zu gehen und so unseren Beitrag zur Entwicklung der Menschheit zu leisten.
Die Flucht von zu Hause geschieht nicht nur aus Furcht vor dem Tod. Während der beharrlichen und sachlichen Suche nach den Ursachen für unsere Probleme versuchen wir gleichzeitig, neue Wege für ihre Überwindung zu finden.
Im deutschen Wortschatz bedeutet das Wort "Emigration" "Herausgehen". Dieses Herausgehen ist aber nicht nur eine Ortsveränderung, sondern eine Änderung der Sprache, der Kultur und von allem, was man von Kindheit an gewohnt ist. Vielleicht haben daher einige Menschen Emigration als eine Krise, eine Identitätskrise bezeichnet. Einen Ausweg aus dieser Krise zu finden, verlangt gründliche Überlegung. Auf diesem schwierigen Weg hilft es sehr, die Sprache des neuen Landes zu lernen.
Auch ich bin wie viele Frauen meines Landes. Vor einigen Jahren war ich gezwungen, meine Heimat zu verlassen. Sicher ist es unnötig zu erwähnen, wie viele Probleme und Hindernisse ich zu überwinden hatte. In den Jahren, die ich auf mein Asyl gewartet habe, musste ich mit vielen Schwierigkeiten fertig werden. Fünf Jahre Leben am Rand der Gesellschaft und weitab in Flüchtlingsheimen haben auch mich psychisch sehr belastet. Dieses Gefühl, fremd und überflüssig, eine Belastung statt ein wertvoller Mensch zu sein, verfolgt mich heute noch.
Obwohl die Unterstützer von Flüchtlingen versuchen, die Lage der Flüchtlinge zu verbessern, bleibt die Atmosphäre, die sich über das Thema Flüchtlinge legt, immer kalt und abweisend. Sogar, wenn wir als Flüchtlinge anerkannt werden - dies ist bei mir seit einem Jahr der Fall -, lasten diese Probleme weiterhin auf unseren Schultern.
Auf jeden Fall gibt die Existenz von Flüchtlingsräten, die es in vielen Bundesländern gibt, Hoffnung auf Verbesserung der Lage der Flüchtlinge. Der Flüchtlingsrat, der sich 1991 in Leipzig gründete, hat bis jetzt in verschiedenen Bereichen Flüchtlingen geholfen, z. B. beim Erlernen der deutschen Sprache, aber auch Menschen, die in Abschiebehaft sitzen, und bei vielen anderen Problemen. Hiermit möchte ich mich bei einigen dieser Leute, mit denen ich immer wieder in direktem Kontakt stehe, bedanken. Dies sind u.a. Dieter, Petra, Stefan, Birgit und Anwar. Die Flüchtlinge wünschen sich, dass der Flüchtlingsrat für uns Flüchtlinge weiterhin so aktiv bleibt.

Monireh Mosawari




10 Jahre im Asylverfahren

Das Leben einer kurdischen Asylbewerberfamilie im dauerhaften Provisorium

Geknickte Lebensläufe - sie sind uns hier im Osten vertraut. Zu Recht oder zu Unrecht: viele mussten nach der Wende von Neuem anfangen und haben möglicherweise dauerhaft nicht mehr Fuß gefasst. Manche, vielleicht ja auch Sie, die diesen Artikel lesen, hat es in den besten Jahren ihres beruflichen Lebens getroffen. Einige haben sich, z. T. bis heute, als Fremde im eigenen Land gefühlt. Die meisten konnten aber nach einiger Zeit neu anfangen.
Für Asylbewerber ist dieser Knick in ihrem Leben eine geläufige Erfahrung, nur ist der Neuanfang für sie schwerer, denn sie müssen sich als Fremde im fremden Land zurechtfinden, und solange ihr Status nicht gefestigt ist, erhalten sie keine Hilfe zur Integration. Für die kurdische Familie Yildiz dauert die Übergangszeit schon fast 10 Jahre. Seit ihrer Flucht am 15. 10. 1991 leben sie als Asylbewerber oder geduldet in Deutschland, davon einige Monate in Eilenburg und nunmehr 9 Jahre in Leipzig.


Sie flüchteten im Alter von 25 bzw. 23 Jahren aus der Türkei. Dort hatten sie sich bei ihrer politischen Tätigkeit kennen gelernt. Beide waren, wie sie berichten, Mitglieder der militanten "Marxistisch-Leninistischen Partei" (ohne selbst Gewalt angewendet zu haben) und wurden daher per Haftbefehl gesucht. Sie hatten Geld für die Partei gesammelt und an Versammlungen und Demonstrationen teilgenommen. Ihr Anwalt in der Türkei sandte ihnen jedoch den Haftbefehl nicht nach Deutschland zu.
Ihr Asylantrag vom 21.10.2020 wurde über ein Jahr später, im Frühjahr 1993, vom Bundesamt abgelehnt, dagegen erhoben sie Klage. Wieder vergingen drei Jahre, bis es zur Verhandlung kam und sie 1996 vom Verwaltungsgericht Leipzig abgewiesen wurde.
Sie erhielten jedoch weiter eine Duldung, da die Asylverfahren für ihre 1994 bzw. 1998 hier geborenen Kinder noch liefen. Doch wurden die für sie gestellten Asylanträge letztendlich auch abgelehnt.
Auch privat folgte vor allem für Frau Yildiz ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Der Wunsch nach Kindern schien unerfüllbar zu sein. Frau Yildiz erlitt schon in der Türkei zwei Fehlgeburten, nach der Geburt ihres ersten Sohnes Murat 1994 folgten zwei weitere Aborte in Deutschland. Frau Yildiz litt seit jeher unter einer chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse und Blutarmut. Wegen ihrer prekären Gesundheitssituation wurde die Familie im August 1997 vom Heim in der Raschwitzer Straße mit seinen Gemeinschaftsduschen und -toiletten in die Liliensteinstraße umverteilt. Ihr zweiter Sohn Firat wurde im Januar 1998 geboren. Kurz darauf stellte sich zu allem Unglück noch eine Erkrankung an Hepatitis B bei der jungen Mutter heraus.
Ansonsten hatten sie die Probleme, um die hier in Deutschland wohl kein Asylbewerber herumkommt. Sie zählen auf: Im Februar 1999 wurde der geflüchtete PKK-Führer Abdullah Öcalan in die Türkei entführt. Ungeachtet der Tatsache, dass die PKK selbst für Terrorakte verantwortlich war, waren viele türkische Kurden empört über die Inhaftierung und Demütigung der Symbolfigur des Widerstandes durch den verhassten türkischen Staat. In Leipzig wurde das griechische Ge-neralkonsulat für einen Tag besetzt. Herr Yildiz beteiligte sich an dieser Besetzung und wurde daher angeklagt. 5 Monate bis zum Juli 1999 war er in Görlitz in Haft. Seine Frau versuchte in dieser Zeit, Kontakt zu seinem Anwalt in Hannover zu halten, um seine Haftentlassung zu erreichen. Da sie im Zug ohne "Urlaubsschein" aufgegriffen wurde, erhielt sie wieder einen Bußgeldbescheid über 136 DM.
Da Herr Yildiz durch seine Protestaktion wieder ins Blickfeld der türkischen Behörden gelangt war, stellte die Familie 1999 einen Asylfolgeantrag. Doch dieser wurde vom Bundesamt nicht angenommen, so dass sie bis zur Entscheidung über die Klage weiter im Asylbewerberheim Liliensteinstraße wohnen mussten. Das Verwaltungsgericht gewährte bis zu einer Entscheidung in der Hauptsache einstweiligen Rechtsschutz gegen die Abschiebung.
Ein Antrag auf dezentrales Wohnen nach so langer Zeit wegen der Erkrankung und Hilfsbedürftigkeit von Frau Yildiz wurde Anfang 2001 als medizinisch nicht erforderlich abgelehnt, jedoch sollte die Übernachtung unterstützender Personen im Heim genehmigt werden.
Am 16. März 2001 machte das Verwaltungsgericht Leipzig schließlich einen Vergleichsvorschlag in der Asylsache: das Bundesamt sollte Herrn Yildiz wegen der in der Türkei drohenden Verfolgung aufgrund der Teilnahme an der Konsulatsbesetzung als Flüchtling anerkennen. Die Familie sollte ihre Klage im Gegenzug zurücknehmen.
Noch ist nicht klar, ob dieser Vorschlag angenommen wird. Herr Yildiz wäre nach 10 Jahren schließlich anerkannt. Frau und Kinder könnten als Familienangehörige ebenfalls eine Aufenthaltsbefugnis beantragen.
Gefragt, wo sie sich ihre Zukunft aufbauen möchten, meinen sie, Leipzig sei eigentlich eine schöne Stadt, und sie würden gerne hier bleiben - wenn sie Arbeit finden.

Dieter Karg

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Diese Seite wurde aktualisiert am 11.09.2020