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Nr. 16, Dezember 2001
Flucht und Asyl

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Die folgenden Flüchtlingsschicksale wurden während der Demonstration am Tag des Flüchtlings 2001 vorgestellt. Sie geben einen Einblick in die Auswirkungen der Aufenthaltsbeschränkungen.

Residenzpflicht - so heißt dies im juristischen Deutsch: ein Wort, das an königliche Lebensverhältnisse denken lässt, aber genau das Gegenteil meint: eine massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit und der persönlichen Würde und eine Kriminalisierung von Menschen

Mein Name ist Ardalan, ich komme aus dem Irak. Ich lebe seit 1995 in Leipzig. Damals wohnte ich im Asylbewerberheim Torgauer Straße.
Einmal wollte ich meine Eltern in Berlin besuchen. Ich kaufte mir ein Wochenendticket und fuhr mit dem Zug nach Berlin. Als ich am Bahnhof Zoo die Treppen herunter ging, wurde ich von zwei Polizisten angehalten, die mich nach dem Ausweis fragten. Als sie meine Aufenthaltsgestattung geprüft hatten, meinten sie, ich müsse sofort nach Leipzig zurückfahren. Mit meinem Aufenthaltsstatus als Asylbewerber dürfte ich mich nicht außerhalb der Stadt aufhalten. Ich wurde mit dem nächsten Zug nach Leipzig geschickt. Meine Eltern warteten vergebens auf mich. Ich habe sie an diesem Wochenende nicht gesehen.

Ich heiße Hushmand und komme aus dem Iran. Ich musste wegen dem Kampf gegen ein diktatorisches Regime meine Heimat verlassen. Ich werde diesen Kampf weiterführen, bis dieses Regime gestürzt wird. Deswegen werde ich auch versuchen, an den meisten Demonstrationen mit dieser Forderung teilzunehmen.
Letztes Jahr wollte ich mit meinem Sohn an einer Protestkundgebung gegen den Besuch des iranischen Präsidenten teilnehmen, die in einem anderen Bundesland stattfand. Wir wurden von der Polizei aufgehalten. Jeder von uns bekam 136 DM Bußgeld wegen Verstoß gegen die räumliche Beschränkung.
Dieses Bußgeld müssen wir bezahlen, obwohl wir nicht arbeiten dürfen und nur 80 DM Taschengeld im Monat erhalten. Die räumliche Beschränkung auf Leipzig gilt für das gesamte Asylverfahren. Bei uns dauert dies schon mehrere Jahre.

Ich heiße Morteza Paul Mostafavi, komme aus dem Iran und habe Ende 1998 einen Asylantrag gestellt. Ich bin im Asylbewerberheim Taucha untergebracht worden. Dort habe ich einen Jungen kennen gelernt. Er heißt Omid und ist mit seinen Eltern vor 5 Jahren aus dem Iran geflohen. Das Asylverfahren ist noch immer nicht beendet.
Er hat in Taucha die Realschule besucht und hat auch die Abschlussprüfungen der 10. Klasse bestanden. Er möchte gerne einen Beruf erlernen und war deswegen beim Arbeitsamt.
Dort wurde ihm Folgendes gesagt: "Sie können nur dann einen Ausbildungsplatz bekommen, wenn es dafür keinen deutschen Bewerber gibt. In Leipzig und Umgebung ist aber kein Platz frei. Wenn Sie nach Schleswig-Holstein oder nach Bayern gehen würden, könnten Sie einen Ausbildungsplatz finden. Dort gibt es freie Plätze."
Das geht aber nicht, denn Omid darf den Bereich Leipzig nicht verlassen. Er hat also keine Chance.

Ich möchte von einem Freund aus dem Asylbewerberheim Schkeuditz berichten. Er heißt Naim und kommt aus Afghanistan. Er ist 16 Jahre alt und schon 2 Jahre in Deutschland. Er spricht nur sehr wenig Deutsch. In dem Heim hat er mit zwei Männern aus Afghanistan gewohnt. Das sind seine einzigen Landsleute dort. Die beiden Männer haben Naim gequält.
Sein einziger Verwandter in Deutschland ist sein Onkel, der in München wohnt. Er hat große Angst gehabt und wollte seinen Onkel in München besuchen, damit er ihm hilft.
Er ist einfach losgefahren und wurde in Hof von der Polizei kontrolliert. Er hat dann vom Landratsamt Delitzsch einen Bußgeldbescheid über 75 DM erhalten. Im Monat bekommt er aber nur 80 DM Bargeld. So wurde er in seiner Not noch zusätzlich bestraft.

Wir möchten darüber berichten, was vergangene Woche einem iranischen Asylbewerber passierte, der in einem Heim in Colditz lebt. Er bekam das ablehnende Urteil in seinem Asylverfahren. Er verstand es aber nicht richtig und wusste nicht, wie viel Zeit er für Rechtsmittel hatte. Daher fuhr er direkt zur nächsten Beratungsstelle nach Leipzig, wo es persischsprachige Mitarbeiter gab, und nicht extra zur Ausländerbehörde ins knapp 20 km entfernte Grimma, um sich vorher einen sogenannten "Urlaubsschein" zu holen. Auf dem Heimweg von der Beratungsstelle wurde er am Leipziger Bahnhof von der Polizei kontrolliert. Als die Beamten sahen, dass er keine Ausnahmegenehmigung hatte, legten Sie ihm Handschellen an (die Abdrücke davon waren noch tags darauf zu sehen). Dann nahmen sie ihn mit zum Polizeirevier. Dort musste er sich nackt ausziehen, man nahm Fingerabdrücke und machte Fotos von ihm. Er musste auf der Polizeiwache übernachten. Erst am nächsten Tag kam ein Dolmetscher, der ihm erklärte, er werde jetzt freigelassen, und ihm werde ein Bescheid über eine Geldstrafe zugeschickt.

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Diese Seite wurde aktualisiert am 23.12.2020