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Nr. 17, Juli.2002

 
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EDITORIAL



Es tut sich etwas in Leipzig!

...und das auch für Flüchtlinge! Daher ist diese Ausgabe unserer Zeitschrift auch von einer ziemlich positiven Grundstimmung gezeichnet.
Obwohl nach wie vor gilt: "Flüchtlinge haben keine Wahl." Flüchtlingen wird vorgeschrieben, wo und wie sie zu leben haben, und vor allem, was sie nicht tun dürfen. Sie müssen hinnehmen, dass im Streit um das neue Zuwanderungsgesetz ihre Anwesenheit in Deutschland wieder einmal zum Wahlkampfthema gemacht wird. Selbst wählen und über ihre Zukunft entscheiden, so wie wir das können (und hoffentlich auch am 22.09. tun!), dürfen sie nicht. Da sind sie auf unsere Hilfe angewiesen.
"Flüchtlinge haben keine Wahl." Dies wird das bundesweite Motto des diesjährigen "Tags des Flüchtlings" am 4. Oktober sein. Wir wollen an diesem Tag in der Innenstadt eine "Wahlparty" veranstalten, in der Deutsche vor die selbe Wahl gestellt werden wie Flüchtlinge und Flüchtlinge über ihre Belange abstimmen dürfen. Natürlich verändert das nicht die Politik, aber vielleicht ja bei manchem das Bewusstsein.
Längst nicht alles ist in Ordnung bei den Asylbewerbern, wie uns die Landesregierung in ihrer Antwort auf eine PDS-Anfrage glauben machen will, aber viele kleine Initiativen und Maßnahmen können eine insgesamt deprimierende Situation aufhellen. Erfolge im kleinen Maßstab sind möglich.
So ermöglicht die Stadt Leipzig nun endlich einigen nicht anerkannten Flüchtlingen, eine eigene Wohnung zu beziehen. Sie hat gemeinsam mit Flüchtlingshilfsorganisationen Richtlinien für humanitäre Gründe erarbeitet, die einen Auszug aus dem Asylbewerberheim ermöglichen. Leipzig ist auch Ort eines Modellprojektes, in dem ein erweiterter Personenkreis geförderte Deutschkurse erhält. Asylbewerber in Ausbildung können nun ein Jahresticket der LVB zum halben Preis erhalten. Und bei der Arztwahl will man ihnen nun auch etwas mehr Freiraum geben.
Private Initiativen bemühen sich darum, Flüchtlingen eine Perspektive zu geben, im Rahmen einer bundesweiten Politik, die ihnen diese verwehren
will (Motto: "Keine Integration vor der Flüchtlingsanerkennung"). Der Brückenschlag e.V. versucht, mit seinem Projekt "Bunte Gärten", den Entwurzelten durch sinnvolle Tätigkeit zu helfen, Wurzeln in diesem Land zu schlagen. Der Flüchtlingsrat Leipzig versucht seit langem, den Geflüchteten durch Sprachkurse Orientierungshilfe zu leisten. Aber wir können längst nicht alles Wünschenswerte selbst tun. Viele ehrenamtlich Tätige, die nicht Mitglied bei uns sind, unterstützen uns, damit sich Fremde hier heimisch fühlen können.
Und es gibt noch unsere zwei ABM-Mitarbeiter, die sich nach Kräften bemühen, ihrer Funktion als "Anlaufstelle" für alles Mögliche gerecht zu werden. Auch dieses Jahr haben wir, scheint es, wieder einen guten Griff getan und zwei engagierte Personen gefunden: Sarbast Akraui, kurdischer Flüchtling aus dem Irak, der schon einmal für uns tätig war, und Holger Jakubicka, ein Deutscher mit "internationalem Hintergrund". Es ist uns wieder gelungen, unser kleines "interkulturelles Modell" (ein Flüchtling bzw. Ausländer/in und ein/e Deutsche/r) bei den ABM-Kräften durchzuhalten. Seit April sind sie bei uns tätig.
Nicht zuletzt ist Leipzig der Ort der Vernetzung der Abschiebehaftgruppen (also derjenigen, die sich gegen Abschiebehaft einsetzen), die sich dieses Jahr zum zweiten Mal getroffen haben, und dies nicht nur deutschlandweit, sondern auch über die Staatsgrenzen hinaus. Es ist höchst spannend zu erfahren, was anderswo möglich ist und dass alles längst nicht so sein muss, wie wir es aus unserem Alltag kennen...
Über all dieses können Sie in dieser Ausgabe lesen. Es ist schon richtig: wir publizieren selten (etwa zweimal im Jahr), aber wir sind stolz darauf, dass wir praktisch nie "abschreiben", sondern alles selbst und auf die lokale Situation bezogen darstellen. Wir hoffen, das findet Ihr Interesse, auch wenn jetzt gerade Ferien sind und sie sich mit etwas anderem beschäftigen (muss ja auch mal sein).
Das tun auch gerade unsere beiden Sprecher (sie wollen ebenfalls mal "privat sein"), so dass dieses Editorial nicht von ihnen kommt, sondern von

Dieter Karg

 


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Diese Seite wurde aktualisiert am 23.07.2020