17.10.2017

Redebeitrag

Rede vom 12.01.2015 - Sonja Brogiato

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie erwarten an dieser Stelle vielleicht einen Flüchtling. Ich muss Sie enttäuschen. Wir werden Ihnen keinen vorführen.

Asylbewerber und Flüchtlinge sind Menschen. OBJEKTE sind sie eben nicht, auch nicht als Empfangsstation Ihres Mitleids heute und schon gar nicht als personifiziertes Feindbild.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist die wichtigste Aussage unserer Verfassung, sie ist ihr erster Artikel und gilt, so lange das Grundgesetz gilt. Dieser elementare Satz ist in oberstes Recht gegossener Ausdruck unserer Zivilisation und unserer Kultur. Unser Denken und unsere Normen sind zutiefst geprägt vom Christentum, egal ob wir glauben, oder nicht. Die kompromisslose Achtung des Mitmenschen ist unsere Sollvorgabe seit 2000 Jahren und  prägt die Gesetze, die unser Zusammenleben regeln. Unsere Philosophie, unsere Kunst und unser Alltag basieren auf dieser Achtung. Unserer Verfassung ist es genug, dass ein Mensch ein Mensch ist, dieses Menschsein verleiht ihm Würde, und mehr noch: jeder Mensch ist GLEICH an Würde. Niemand ist wertvoller als ein anderer, wir sind ja keine Dinge, wir sind handelnde Subjekte. Sie haben heute gehandelt und sich hier eingefunden, um einzustehen für diesen unseren Grundkonsens  – dafür vielen Dank!

Ausländer werden in diesem Land dämonisiert und auch idealisiert, sie sind Projektionsflächen dumpfer Ängste oder sollen stilisierte Ikonen des Elends sein. Flüchtlinge werden reduziert auf ihren Glauben oder reduziert auf ihre Opferrolle. Nur: der böse schwarze Dämon und das rosarote Engelchen sind Zerrbilder, sie sind Entmenschlichungen und entfernen uns weit vom Blick auf den real existierenden Menschen vor uns. Und das ist brandgefährlich: Wir entfernen uns weit von uns selbst und wir verleugnen uns selbst, wenn wir das zulassen, wir verlieren unsere eigene kulturelle Identität, wenn wir nicht Menschen sehen, sondern Problemfälle.

Mit eingeschränkter Sicht auf den Menschen lebt es sich – zugegeben – leichter und Problemfälle lassen sich mit weniger Skrupel entsorgen. Einen Menschen würde man im Winter nicht vor die Tür jagen und auch keinen Hund, einem Problemfall hingegen ist Frost und klirrende Kälte schon zuzumuten in seinem Wohnwagen in Serbien. Die Romafamilie mag ja vollziehbar ausreisepflichtig sein und daran mag es ja auch nichts zu rütteln geben – an einer Abschiebung jetzt im Winter aber sehr wohl. Diese Winterabschiebungen, die Sachsen betreibt, sind weder allgemeinmenschlich noch christlich vertretbar. Lassen wir sie nicht zu!

In dieser Stadt leben knapp zweieinhalbtausend Asylbewerberinnen und Asylbewerber. Sie alle haben Gewalt erfahren durch Krieg, Bürgerkrieg, durch islamistischen Terror, in Folterkellern der Unrechtsregime und auf ihrem langen Weg nach Europa, durch die Gluthitze der Wüste, durch die Stürme des Mittelmeeres, über die Minenfelder der Landgrenzen hinweg, aus den Schneeflächen aus weißen Zelten der UN, aus den Ruinen ihrer Wohnstätten und den Schuttbergen ihrer Kirchen und Moscheen.

Wohl die allermeisten , die hier stehen, haben Krieg nie selbst erlebt, aber wir erleben jetzt durch die Flüchtlinge bei uns die Folgen von Kriegen in unserer Nähe. Wir reagieren oftmals mit Entsetzen auf die Schilderungen der Flüchtlinge und viele wenden sich entsetzt und verunsichert ab vom Flüchtling als Träger der Botschaft. Jede Sicht auf den verwüsteten, zerstörten Raum durch die Augen eines Flüchtlings eröffnet uns aber gleichzeitig die Wahrnehmung unseres eigenen Raumes. Es verhält sich wie bei einem Besuch auf der Intensivstation: Das eigene Wohlergehen ist im Normalfall selbstverständlich, aber beim Anblick der Leidenden und Sterbenden erfasst uns eine intensive Wertschätzung dessen, was wir selbst haben, auch wenn es mangelhaft ist.

Das Wertvollste, das wir haben, sehen wir oft nicht mehr bewusst genug. Seit 70 Jahren wurde hier kein Krieg mehr ausgetragen und unser Gemeinwesen basiert auf einem soliden Fundament aus demokratischen Strukturen und Rechtsstaatlichkeit. Flüchtlinge, die noch kaum Deutsch können, wollen wissen, wie genau das Wunder möglich wurde, das sie sich für ihre Länder so ersehen: eine friedliche Revolution. Diesen Geist der friedlichen Revolution wollen wir weiter pflegen und jetzt und hier tun Sie genau das!

Wir stehen ein für das Grundrecht auf Asyl, wir stehen ein für den sozialen Zusammenhalt von Deutschen und Nichtdeutschen, von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Rasse, Religion, Hautfarbe und Kultur. Wir stehen ein für die Basiswerte unserer Gesellschaftsordnung, für Meinungsfreiheit, für Religionsfreiheit, für die Freiheit des Einzelnen und eine freie Gesellschaft!

Wir brauchen eine Streitkultur, in der wir Probleme offen aushandeln können, statt zu polarisieren und zu beleidigen.

Wir werden uns auf gar keinen Fall in eine Spirale der Gewalt zerren lassen, indem wir z.B. selbst verbale Gewalt ausüben.

Wir ermutigen Sie alle, in Ihrem Umfeld, Ihrer Familie, bei Bekannten und Kollegen, die Werte, für die Sie heute hier stehen, zu vertreten.

Hass und Hetze erteilen wir eine klare Absage und wir verurteilen in aller Schärfe Gewalt und auch das billigende Inkaufnehmen von Gewalt.

Diese Stadt bleibt in ihrer Mehrheit nicht stehen bei der Forderung nach Toleranz. Wir hier wollen mehr: Wir  wollen gelebte Willkommenskultur!

 

 

 

 

                       

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